Versuch einer Halbzeitbilanz meines Lebens

Mittlerweile bin ich 65 Jahre jung und habe bestimmt schon meine rechnerische Lebensmitte überschritten. Darum möchte ich gerne mal versuchen, eine Art Halbzeitbilanz zu erstellen. Da menschliches Leben weitaus mehr ist als nur Chemie, Zahlen und Biologie, ist das nicht so ganz einfach. Gelebtes Leben, „gute“ wie „schlechte“ Erfahrungen und Schlussfolgerungen lassen sich nicht einheitlich einordnen. Und sie zu bewerten ist meines Erachtens mehr als grenzwertig.

Im Großen und Ganzen habe ich meine Jugend als die schönste Zeit meines Lebens in Erinnerung. Doch bewerte ich hier nicht schon? Dann wäre nämlich mein Leben, das ich seit meiner Jugend lebe, nicht mehr so schön. War es das wirklich? Das ließe sich meines Erachtens nur vergleichen, wenn ich stehen geblieben wäre. Aber ich habe mich weiter entwickelt, sehe so manches anders und auch gründlicher und umfangreicher. In meiner Jugend beispielsweise habe ich gelebt und hatte weder Angst vor dem Heute noch vor dem Morgen. Und heute? Ich versuche, meine Ängste zu sehen, mich aber nicht von ihnen unterkriegen zu lassen – nicht immer eine leichte Aufgabe.

Sollte ich die letzten ca. 20 Jahre meines Lebens als „schlecht“ bezeichnen, nur weil ich arbeitslos war und geblieben bin? Sie waren mit Sicherheit nicht angenehm, wenn ich bloß an ca. 2.000 Bewerbungen = ca. 2.000 Absagen denke. Es gibt Menschen, die unter wesentlich mieseren Bedingungen leben müssen und die dennoch ihr Leben so annehmen wie es ist. Da habe ich mir viele Jahre immer wieder selbst ein Bein gestellt. Eigentlich sollte ich sagen „Es ist, wie es ist – mach´ das für dich Beste draus.“ Das zu sagen, ist noch der einfache Teil . . .

Eine Bilanz ist auf beiden Seiten ausgeglichen. Ich hoffe, ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Oftmals kann es leichter sein, eine Bilanz zu erstellen als das Leben in allen seinen Facetten sinnvoll, aufbauend und mit positiver Lebensenergie zu gestalten. Das Leben hat mehr als zwei Seiten, und nicht alle Seiten können immer ausgeglichen sein. Ich kann mich nur bemühen, alle Bereichen in einem befriedigenden Gleichgewicht zu halten.

Es war ein Versuch, eine Halbzeitbilanz meines Lebens zu erstellen – Versuch „misslungen“, weil das Leben jede Bilanz alt aussehen lässt. Oder seht Ihr das anders?

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