Wie Voruteile sich in Urteile verwandeln

Es ist in der Regel ein schleichender Vorgang, wenn man Menschen in eine Schachtel steckt, aus der sie dann nicht mehr raus kommen. Man hält sie mit Gewalt in dieser Schachtel und entlässt sie auch nicht mehr, weil man dann ja offen dafür sein müsste, dass man sich in diesen Menschen geirrt hat. Dazu das folgende Beispiel:

Ein Negativ-Urteil über mich lautet, ich sei ja nur negativ drauf. Wer mich standhaft so aburteilt, macht sich blind für meine positiven Seiten. Da kann ich noch so sehr argumentieren – für diese Menschen bleibe ich negativ. Und meine positiven Seiten werden außen vor gelassen. So gibt es Zeitgenossinnen und -genossen, die hartnäckig behaupten, in meinem Gedankenbuch würde ich nur Negatives schreiben. Diese Leute kann ich nur fragen: „Mit wie viel blinden Augen und mit welchem Interesse lest ihr denn mein Gedankenbuch? Habt ihr es überhaupt schon mal gelesen oder nur diagonal überflogen?“

Und was bitte schön ist daran so negativ, wenn ich auch meine negativen Meinungen äußere? Ersetzen wir doch mal „negativ“ durch „aufmerksam hinterfragend“ – klingt doch schon viel positiver, nicht wahr? Jeder Mensch nimmt seine Mitmenschen und die gesellschaftliche Situation – die immer auch die persönliche gesellschaftliche Situation ist – mit seinen Augen wahr, mit seinen Lebenserfahrungen, mit seinen Gedanken, seinen Gefühlen. Wenn wir das nicht täten, wären wir Roboter.

Ich glaube, wir alle haben in der ein oder anderen Weise Negativ- bzw. Vor-Urteile gegenüber anderen Menschen. Gefährlich werden diese Vorurteile dann, wenn sie sich verhärten und man nicht mehr imstande und willens ist, seine eigenen Vorurteile auf den Prüfstand zu stellen und sie auch zu berichtigen oder gar über den Haufen zu werfen.

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