Wie meine Eltern den Krieg erlebt haben

In meiner Kindheit und Jugend war ich immer daran interessiert, von meinen Eltern zu erfahren, wie sie mit ihren ureigenen Gedanken und Gefühlen den 2. Weltkrieg erlebt haben. Doch viel habe ich ihnen nicht entlocken können. Ich glaube, dass beide ihre Kriegserlebnisse nie richtig verarbeitet haben – wie verarbeitet man Kriegserlebnisse „richtig“? – und der Auffassung waren, es wäre besser, alles für sich zu behalten und die Kinder damit nicht zu belasten. Für mich wäre es ganz und gar keine Belastung gewesen, sondern eine Bereicherung meines Lebens. Erzählte Kriegserfahrungen und Erfahrungen überhaupt sind für mich wesentlich eindrucksvoller und authentischer als noch so viele geschriebene Worte.

Von meinem Vater weiß ich nur, dass er weit in Russland war und den Kessel von Stalingrad oder einen anderen Kessel nur überlebt hat, weil er wegen eines abgefrorenen Fingers zurück durfte. Meine Mutter hat mir immer wieder geantwortet, sie habe vom Krieg nicht viel mit bekommen, weil sie überwiegend in Luftschutzbunkern gelebt habe. Für mich war das nicht stimmig, aber sei´s drum.

Im Rückblick bedauere ich, dass ich nie die Geduld hatte, dieses Thema bei meinen Eltern immer wieder geduldig anzusprechen. Vielleicht waren es ja maßgeblich ihre Kriegserlebnisse, die sowohl meinen Vater wie meine Mutter mehr oder weniger dazu gezwungen haben, über Gefühle nicht zu sprechen. Aufmerksamkeit und Zuwendung habe ich nicht von ihnen bekommen, was aber mein ureigenes persönliches Empfinden ist, weil meine Schwester und mein Bruder für sich sehr wohl elterliche Aufmerksamkeit und Zuwendung empfunden haben.

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