Anspruch und gelebtes Leben

Schon vor sehr vielen Jahren habe ich für mich erkannt: „Wenn ich alles in meinem Kopf gespeicherte Wissen auch in gelebtes Leben umsetzen könnte, wäre ich ein äußerst zufriedener Mensch, der sehr stark in sich selbst ruhen und anderen so viele positive Energien abgeben könnte, dass ich für sehr lange Zeit keine positive Energien von anderen Menschen bräuchte.“ Doch leider ist das die reine Utopie, weil das Leben nicht aus kopfmäßigen und wissenschaftlichen Erkenntnissen besteht, sondern weit mehr aus Gefühlen und vielfältigen Erfahrungen. Wäre das wirklich so einfach, Wissen umzusetzen, wären bestimmte Berufsgruppen arbeitslos – und das wäre doch bedauerlich.

Es mag durchaus Menschen geben, die ihre Erkenntnisse auch umsetzen, sprich: leben können. Das ist in einigen Punkten möglich, aber nicht immer und in allen Punkten. Zumindest kann ich das von mir behaupten – und ich halte mich ganz und gar nicht für ein besonderes Wesen. So war es mir trotz „besseren“ Wissens (ist Wissen tatsächlich immer besser? besser als was?) nie möglich, für meine Mutter ein erwachsenes Kind zu sein. Ich bin zeitlebens ihr kindliches Kind geblieben, das nicht imstande war, ihre Verletzungen mit Abstand zu sehen. Ich war sehr oft verletzt und wütend, obwohl ich wusste, dass ich mir damit nur schade und meine Mutter meine Gefühle ohnehin nicht versteht. Sie kam aus einer Generation, in der Überleben wichtig war und Gefühle hinten an gestellt wurden.

Es gibt Situationen – zumindest in meinem Leben -, in der äußere Umstände mich hindern bzw. gehindert haben, meine Erkenntnisse in gelebtes Leben umzusetzen. Als am tiefsten sitzende Situation empfinde ich meine über zwanzigjährige Arbeitslosigkeit. Etwa 2.000 Absagen, weil Unternehmer (zumindest die, die ich kennen lernen durfte) keinen Wert auf engagierte Mitarbeiter legen, die nicht nur denken, sondern auch reden. Aber davon habe ich ja schon im Grunde genommen viel zu viel geschrieben.

Aus meinen eigenen Erfahrungen heraus kann ich mir nicht vorstellen, dass es Menschen geben soll, die ihr Wissen auch mit Leichtigkeit umsetzen können. Doch kann ich mich da auch irren. Und ich reagiere sehr empfindlich, wenn mich Menschen für lebensunfähig halten und mir ihre Art zu leben, als die Lösung meiner Probleme „vorstellen“ wollen.

Bevormundend und belehrend – ein klares Nein.
Auf gleicher Augenhöhe und in gegenseitiger Wertschätzung – ein klares Ja.

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