Die Vielfalt von uns Menschen

Tagtäglich bin ich aufs Neue erstaunt und begeistert, wie viele unterschiedliche Menschen es gibt, „obwohl“ doch jeder Mensch aus der Vereinigung von einer Samenzelle und einem Ei entsteht – winzigen Organismen, die wir mit dem bloßen Auge gar nicht wahrnehmen können. Und in diesen zwei winzigen Organismen sind alle Anlagen enthalten, die uns Menschen zu der Vielfalt machen, die wir sind.

Man schaue sich doch nur mal die Kinder eines einzigen Elternpaares an: Alle haben die gleichen Erbanlagen bekommen und doch können es charakterlich sehr unterschiedliche Menschen werden. Und selbst zwei Geschwister sehen oft so aus, als hätten sie unterschiedliche Eltern.

Nun werden die Erbanlagen im Laufe eines Lebens durch Sozialisation und Lebensumstände verändert oder entwickeln sich sogar häufig in einer Familie in unterschiedliche Richtungen. Einerseits begeistert mich eine solche Vielfalt. Andererseits macht sie mir aber oft auch Angst, wenn ich erlebe, was aus Menschen werden kann – Verbrecher, Vergewaltiger, Massenmörder, Kinderschänder, um nur einige zu nennen.

Aber ist das nicht auch zugleich „normal“? Es gibt die Eltern, die ihre Kinder wie eine Glucke behandeln und ihnen damit viel mehr schaden als nützen. Es gibt die Eltern – und das sind die wenigsten und die mir liebsten -, die ihre Kinder nicht erziehen, sondern versuchen, sie ins Leben zu begleiten. Und wenn diese Eltern ihre Lebensbegleitung ihren Kindern gegenüber offen machen und fähig sind, die Kritik ihrer Kindern konstruktiv anzunehmen, dann schaffen sie eine viel wertvollere, sinnvollere und Menschen freundlichere Welt als alle Politiker, Wirtschaftsbosse und sich sonst für wichtig und unentbehrlich haltende Leute zusammen (ich sage bewusst „Leute“ und nicht „Menschen“).

Doch es gibt leider auch die Eltern, die es mit ihren Kindern angeblich immer so gut meinen und glauben, sie würden ihre Kinder so gut kennen wie sonst niemand. Und die sich dann wundern, wenn ihre Kinder mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Für fast jeden unwichtigen Beruf muss man in diesem Land eine Prüfung machen. Aber für den wichtigsten Beruf in diesem Land – nämlich Eltern – gibt es keine Prüfung. Mal abgesehen davon, dass ich gar nicht wüsste, wie eine solche Prüfung gestaltet und durchgeführt werden sollte, ist es oft ein Trauerspiel zu erleben, was Eltern aus ihren Kindern gemacht haben oder machen wollen.

Allen Kindern wünsche ich, sich möglichst früh auf eigene Beine zu stellen und Menschen, die bereit und fähig sind, mit ihnen Lebenserfahrungen zu teilen, ihnen ihre eigenen Erfahrungen – auch wenn sie den eigenen nicht entsprechen – zu zu gestehen und sie als Freunde auf ihrem oft schwierigen Weg durchs Leben zu begleiten.

Den Begriff Kinder ins Leben zu begleiten, halte ich für abwegig, weil damit in der Regel der Weg ins Erwachsenen-Leben gemeint ist. Und Kinder werden nicht erst als Erwachsene (was auch immer damit gemeint sein mag) lebensfähig, sie sind es von der Sekunde ihrer Geburt an.

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