Der Mord im Jobcenter Neuss

Es ist zwar noch nicht klar, ob dieser Mord im Jobcenter Neuss eine Beziehungstat oder die Tat eines Hartz IV-Betroffenen war, doch ich gehe an dieser Stelle mal davon aus, dass es ein von Hartz IV Betroffener war. Als selbst seit sehr vielen Jahren Arbeitsloser kann ich die Gefühle nachvollziehen, die einen Menschen zu solch einer Tat treiben. Immer wieder sich vergeblich zu bemühen, wieder in eine vernünftige Beschäftigung zu kommen, nicht zu wissen, wie man von dem viel zu niedrig bemessenen Hartz IV-Regelsatz über die Runden kommen kann, der Verlust von sozialen Beziehungen, weil man sich ja nichts „leisten“ kann – alles das macht sehr zornig, wütend und in Einzelfällen so verzweifelt, dass man auch mal vollkommen ausrasten kann. Um es nicht so weit kommen zu lassen, dazu bedarf es oft – ich spreche hier (bestimmt nicht nur) für mich – irrsinnig großer Kraftanstrengungen.

Auch ich kenne das verzweifelte Gefühl von Ohnmacht, Wut und Hass, wenn man ohne Geld dasteht und nicht weiß, wie man die Miete, die Nahrung und das übrige Leben überhaupt noch leben kann. In solchen Fällen habe ich auch an Mord und Selbstmord gedacht. Doch trotz aller verzweifelten Wut war ich noch so klar in meinen Gedanken und Gefühlen, dass ich weder das eine noch das andere umgesetzt habe. Dazu bietet mir meine charakterliche Stärke erfreulicherweise einen sehr guten Schutz. Doch diese charakterliche Stärke hat nicht jeder Hartz IV-Betroffene und nicht jeder verarmte Mensch.

Die Tat von Neuss bezeichne ich bewusst nicht als Tötung, weil ich diesen Begriff verharmlosend finde. Diese Tat war Mord – unabhängig davon, ob sie mit klarem Kopf, in absoluter Verzweiflung oder unter Drogeneinfluss stattfand. Der Täter wird sich dafür verantworten müssen. Dass die wirklich Verantwortlichen für die Armut in diesem Land nie zur Verantwortung gezogen werden, steht auf einem anderen Blatt.

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