Folgen einer christlichen Erziehung

Mal abgesehen davon, dass ich den Begriff Erziehung schrecklich finde, so passt er doch in diesen Eintrag. Als Kind und Jugendlicher wurde ich christlich erzogen. Ich kann mich zwar nicht an konkrete Erziehungsmaßnahmen erinnern, aber allein der Anspruch ist wohl in mir hängen geblieben. So habe ich noch einige „christliche Erinnerungen“ bewahrt, die meines Erachtens für sich sprechen:

Schon in früher Jugend wollte ich Priester werden. Nach einiger Zeit reichte mir das nicht mehr und darum wollte ich Bischof werden. Mein Vater hat mir vergeblich versucht zu erklären, dass ich erst Priester werden müsse, bevor ich Bischof werde. Das wollte oder konnte mein kindlicher Kopf nicht begreifen und so wollte ich direkt Priester-Bischof werden. Das kann ich noch als humoristische Erinnerung sehen so wie viele Jungen Lokführer werden wollen.

Die nächste Erinnerung ist schon alles Andere als humoristisch: Als Katholik musste ich beichten, damit Gott mir meine „Sünden“ vergeben kann. Als einzige Sünde ist mir die Unschamhaftigkeit (im Klartext: das Wahrnehmen und Ausprobieren meiner eigenen Sexualität) in Erinnerung geblieben. Und so zählte ich jede „Unschamhaftigkeit“ und beichtete: „Ich war x-mal unschamhaft im Reden, x-mal unschamhaft im Denken und x-mal unschamhaft im Tun.“ Damals habe ich diese „Sünden“ ehrlich bereut. Es hat schon seine Gründe, warum ich erst neunzehnjährig meine erste sexuelle Erfahrung gemacht habe.

Im Nachhinein betrachte ich dieses Verhalten der Priester und die Untätigkeit meiner Eltern als eine Form sexuellen und gefühlsmäßigen Missbrauchs. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne darauf aufmerksam machen, dass ich es vollkommen richtig finde, sexuellen Missbrauch zu verfolgen und strengstens zu ahnden. Aber es gibt selbst in der heutigen Zeit noch eine Form von Missbrauch, vor der Kinder nicht geschützt werden: der Missbrauch ihrer Gefühle!

Glücklicherweise war ich imstande, mich schon mit vierzehn Jahren aus den Klauen der Kirche zu lösen und aus der Kirche auszutreten. Meine Mutter brachte nur den hilflosen Satz zustande „Wo ich dich doch so christlich erzogen habe“, aber kein Gespräch.

Advertisements