Eine kleine Tür

Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, dass meine Mutter (87) bei meinem letzten Besuch über ihre Jugend, die Kriegszeit und die Zeit nach dem Krieg erzählt hat. Als der Krieg begann, war meine Mutter 16 Jahre jung. Als der Krieg beendet wurde, war sie 22. Der Krieg hat ihr die wichtigsten Jahre ihrer Jugend geraubt. Sie hat ihre Jugend überwiegend in Luftschutzbunkern verbracht. Ich denke, dass in dieser Zeit auch die Grundlagen für ihre Überängstlichkeit gelegt wurden, von der ich auch einiges mitbekommen habe. Vielleicht sind die Kriegsjahre bei ihr auch mitverantwortlich für ihr mangelndes Einfühlungsvermögen, weil es in diesen grausamen Jahren in der Regel nur ums nackte Überleben ging. Doch das kann auch nur meine Vermutung sein.
Wir drei Kinder kamen dann sozusagen „Schlag auf Schlag“ – drei Kinder innerhalb von drei Jahren. Wie sie mir erzählte, fühlte sie sich damit sehr überfordert. Sie hatte keine Zeit, sich um die einzelnen Kinder wirklich angemessen zu kümmern. So mussten in ihrer Aufmerksamkeit die älteren Kinder den jüngeren weichen. So musste ich schon früh lernen, mich weit gehend alleine durchs Leben zu wühlen.
Nach meiner Überzeugung hat meine Mutter die Jahre des Zweiten Weltkriegs bis heute nicht verarbeitet. Ich habe sie gefragt, warum sie (und Vater natürlich auch) uns nie über ihre Kriegserfahrungen erzählt haben. Mein Vater war als Infanterist kurz vor Moskau und ist dem Kessel dort nur auf Grund einer Verletzung (er hat eine Fingerkuppe verloren) glücklicherweise entkommen. Ansonsten hätte ich ihn nie kennen gelernt. Sie hat meine Frage mit den Worten beantwortet: „Es war alles viel zu schrecklich. Ich wollte nicht mehr daran erinnert werden.“. Ich habe ihr gesagt, dass es ihr bestimmt hätte helfen können, über ihre Kriegserlebnisse zu erzählen. Sie hätte für sich selbst einiges verarbeiten können und bei mir sehr viel mehr Verständnis für ihre Verhaltensweisen aufbauen können als ich es habe.Und vor allem hätte sie eine Vertrauensgrundlage schaffen können für ein stabiles Vertrauen, das es schon lange nicht mehr gibt.
Dieses Schweigen hat dann dazu geführt, dass in unsere Familie nicht nur über die Lebenserfahrungen der Eltern geschwiegen wurde, sondern grundsätzlich über alles, was in irgendeiner Form mit Schwierigkeiten zu tun hatte. Und das hält sich bis heute. Und da ich schon als Kind immer viel wissen wollte und mir eigene Gedanken nicht nur gemacht, sondern auch ausgesprochen habe, wurde ich immer als „schwieriges Kind“ gebrandmarkt. Bildlich drücke ich das in den Worten aus Wenn ich auf den Teppich wollte, unter den unsere Familie alles gekehrt hat, müsste ich einen sehr hohen Aufzug bauen.
Offenheit und Ehrlichkeit sind in unserer Familie fremdartige Begriffe. Mein Vater ist tot, zu meinem Bruder habe ich aus Selbstschutz alle Brücken eingerissen und zu meiner Schwester habe ich nur sehr seltenen Kontakt. Und mit dem Tod meiner Mutter wird auch meine Familie sterben – eine Familie, die mir mit Ausnahme meiner Kindheit nie ein Hort der Geborgenheit war. 
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