Einfühlungsvermögen

Es ist immer schwierig, Gefühle in Wort auszudrücken, weil man Gefühle auf diese Weise auch zerreden kann. Doch ich will es dennoch versuchen.

Einfühlungsvermögen ist für mich keine reine Gefühlsangelegenheit, sondern auch der Verstand spielt dabei eine Rolle. Es ist für mich die Fähigkeit eines Menschen, sich sowohl mit seinen Gedanken wie mit seinen Gefühlen in die Lage eines Mitmenschen hinein zu fühlen und zu denken. Doch oft scheitert es daran, dass die meisten Menschen zwar zuhören, aber ausschließlich mit Worten wie „Du musst…“, „Mach´ es doch einfach so…“ oder Ähnlichem „helfen“ wollen. Es wird gar nicht erst hinterfragt, was den anderen denn nun wirklich bedrückt, ob er weiß, wie es dazu gekommen ist, wie er im Augenblick damit umgeht, was er sich wünscht. Und so manches Mal hilft eine Umarmung – sofern man sich entsprechend nahe steht – mehr als alle Worte. Vor vielen Jahren habe ich immer wieder versucht, einer Freunden in schwierigen Lagen mit „klugen Worten“ zu helfen, die ihre Lage oftmals nur verschlimmert haben. Und nachgefragt, warum meine Worte ihr nicht helfen konnten, antwortete sie mir: „Am besten hättest Du mir geholfen, wenn Du mich in Deine Arme genommen hättest.“ Und es ist manches Mal zwar angesagt, seinen Mitmenschen gegenüber seine Wünsche auszusprechen, aber oft ist das auch aus verschiedenen Gründen gar nicht möglich.

Einfühlungsvermögen bedeutet auch, sich aus seiner persönlich Situation vorüber gehend zu lösen und zu versuchen, die Probleme seiner Mitmenschen aus deren Sicht zu durchdenken und zu fühlen. Es müssen nicht immer gleich Lösungen her, weil es viel wichtiger ist, sein Gegenüber ernst zu nehmen und sich mit Ihm/ihr auseinander zu setzen und auszutauschen. Es geht nicht darum, dem anderen die eigenen Denk- und Verhaltensmuster über zu stülpen. Erst mal ist es viel wichtiger und menschlich nachhaltiger, sich miteinander auszutauschen als Lösungen anzubieten, die nur eine Kopie des eigenen Denkens und Verhaltens ist, das auch sehr oft fehlerhaft ist. Mir hilft es mehr, wenn mein Gegenüber mir erzählt, wie er mit einer gleichen oder ähnlichen Situation umgegangen ist oder umgeht. Ein „Du musst…“ und ähnliche Sprüche sind so endgültig und lassen ein Gespräch nicht mehr zu. Ein Austausch verhindert Streit, weil man sich ernst genommen fühlt und lässt eigene Wege offen. Und erwähnen möchte ich auch, dass ein fruchtbarer Austausch es ermöglicht, dass sich alle Beteiligten menschlich näher kommen können.

Ganz schlicht ausgedrückt, könnte ich auch sagen: Nicht das Ende der Sackgasse ist das Ziel, sondern der Weg.

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