Drachenläufer

Schon seit Jahren lese ich mit sehr viel Begeisterung historische Romane. Ich lasse mich gerne in diese Zeit des Mittelalters fallen, ärgere mich über die Bösen und freue mich mit den Guten und leide mit ihnen. Diese Bücher sind eine Mischung aus geschichtlichem Hintergrund und erfundener Erzählung. Der geschichtliche Hintergrund lässt mich oft seufzen und traurig den Kopf schütteln, weil die politischen und sozialen Verhältnissen von ihren Mustern her früher und heute gar nicht so unterschiedlich sind – nur die Methoden sind feiner und hinterhältiger geworden. So waren die Kriege früher noch Kämpfe Mann gegen Mann, wohingegen die heutigen Kriege überwiegend vom Computer aus geführt und gesteuert werden. Und die menschlichen Gefühle früher und heute sind auch nicht so unterschiedlich. Allerdings gibt es im sozialen Bereich auch drastische Veränderungen zu Gunsten der Menschen – ich denke da beispielsweise an Hygiene und Gesundheitswesen.

Und weil alle diese Romane vor hunderten von Jahren spielen, habe ich mich immer ein Stück dem Trugbild hingegeben, sie seien meinem heutigen Leben ja nicht so nah. Ein Trugbild aus dem schon Gesagten heraus und weil sie von Menschen geschrieben sind, die in der Gegenwart leben und sich bei aller Feinfühligkeit und der Beschäftigung mit Geschichte aus der Gegenwart heraus schreiben. In jedem Buch – sei es ein Roman oder ein sogenanntes Sachbuch – steckt das Denken und Fühlen des jeweiligen Schriftstellers. Ich kann Bücher nicht konsumieren, sondern setze mich gedanklich und gefühlsmäßig mit dem Stoff auseinander – Wut und Tränen eingeschlossen.

Bücher aus unserer Gegenwart hatte ich schon lange nicht gelesen, obwohl eine gute Bekannte mir vor etwa einem Jahr ein Buch über Afghanistan geliehen hat. An dieses Buch habe ich mich erst vor etwa zwei Wochen „heran gewagt“, weil mir meine eigene Lebenswirklichkeit oft schon zu nahe geht und mich überfordert. Nach dem Lesen kann ich nur sagen Hätte ich es doch schon eher gelesen. Diese afghanische Geschichte hat mich sehr berührt.

Dieses erste Buch der Gegenwartsliteratur, das ich seit Jahren gelesen habe, möchte ich an dieser Stelle zum Anlass einer Würdigung und zugleich Empfehlung nehmen. Es geht um den ersten Roman des in Afghanistan geborenen Khaled Hosseini und heißt „Drachenläufer“. Ich möchte gerne aus dem Verlagstext auf dem Buchrücken zitieren:

„Afghanistan 1975: ein Land im Schatten der Geschichte. In Kabul wächst der zwölfjährige Amir auf, der unbedingt einen Wettbewerb im Drachenfliegen gewinnen will, um seinem Vater seine Stärke zu beweisen. Dazu braucht er die Hilfe seines Freundes Hassan. Hassans Vater ist der Diener von Amirs Vater. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft verbindet die beiden Jungen eine innige Freundschaft, die allen Herausforderungen aus der Nachbarschaft standhält. Bis am Ende des erfolgreichen Wettkampfs diese Freundschaft von Amir auf schreckliche Weise verraten wird. Diese Tat verändert das Leben beider Jungen dramatisch, ihre Wege trennen sich, während das Land gleichzeitig seiner Zerstörung entgegengeht. Viele Jahre später kehrt der erwachsene Amir aus dem Ausland in seine Heimatstadt Kabul zurück, um seine Schuld zu tilgen . . .“


Aus dem Buch selbst habe das folgende Zitat heraus gesucht:

„Ich habe dir ja erzählt, wie wir alle 1996 gefeiert haben, als die Taliban hereinrollten und den täglichen Kämpfen ein Ende bereiteten. Ich weiß noch, wie ich an jenem Abend nach Hause kam und Hassan in der Küche antraf, wo er Radio hörte. Sein Gesicht war ernst. Ich frage ihn, was los sei, aber er schüttelte nur den Kopf. ´Gott stehe jetzt den Hazara bei, Rahim Khan Sahib´, sagte er.

´Der Krieg ist vorbei´, erwiderte ich. ´Es wird endlich Frieden geben, inshallah, und Glück und Ruhe. Keine Raketen mehr, kein Töten, keine Beerdigungen!´ Aber er schaltete nur das Radio aus und fragte, ob er noch etwas für mich tun könne, bevor zu Bett ging.

Einige Wochen später verboten die Taliban die Drachenkämpfe. Und zwei Jahre später, 1998, verübten sie ein Massaker an den Hazara in Mazar-e-Sharif.“


Auch im Mittelalter und in allen Zeiten davor verübten und verüben selbst ernannte Herrscher Massaker an den Menschen, die zu schützen sie vorgeben. In den letzten Wochen sehe ich mir oft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Geschichtsdokumentation an. Und es erschreckt mich immer wieder, dass uns auch heute noch erzählt wird, längere Friedenszeiten seien ohne Krieg nicht möglich. Wann führen wir den nächsten Krieg!?!

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