Ein zeitnahes Gedicht aus dem vergangenen Jahrhundert

Als die Arbeitgeber im Ruhrgebiet die Massen entließen,
habe ich gesc
hwiegen;
denn ich lebte ja in Schleswig-Holstein.
Als sie in unserer Gegend weitere Menschen rausschmissen,
habe ich geschwiegen:
ich hatte ja Arbeit.
Als in meiner Stadt die ersten Entlassungen anstanden,
habe ich nicht protestiert;
ich wollte ja meine Arbeit behalten.
Als auch unser Betrieb geschlossen wurde, gab es keinen mehr,
der sich wehren konnte.

(Ein Beschäftigter / 1997)

Als mein Nachbar arbeitslos wurde,
habe ich geschwiegen;
ich war ja schon arbeitslos.
Als die Arbeitslosigkeit in unserer Stadt wuchs,
habe ich immer noch geschwiegen;
ich hatte ja noch ein Dach über dem Kopf.
Als ich dann von Sozialhilfe abhängig war,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja froh, noch überleben zu können.
Als ich ausgesteuert wurde und meine Wohnung verlor,
hatte ich keine Kraft mehr, mich zu wehren –
weder allein noch gemeinsam.

(Ein Arbeitsloser / 1997)

Als im Jahre 1997 die Arbeitslosigkeit erschreckende Ausmaße annahm,
sind die DGB-Gewerkschaften auf die Straße gegangen,
es ging ja um ihre Leben und ihre Lebensqualität.
Als die Arbeitgeber und die Politiker diese Macht sahen,
bekamen sie es mit der Angst;
sie hatten ja Ansehen und Wählerstimmen zu verlieren.
Als Löhne und Arbeitszeiten ein Jahr später in Ost und West auf Westniveau waren,
gingen die Menschen vor Freude auf die Straße;
sie hatten diesen Sieg ja erkämpft.
Als es im Jahre 2005 wieder Vollbeschäftigung gab,
waren die Menschen miteinander wesentlich zufriedener;
sie hatten ja keine Existenzängste mehr.

(Eine Utopie / auch noch 2007)

Als Vorlage für dieses Gedicht diente mir eine Aussage von Martin Niemöller, dem ehemaligen Kirchenpräsidenten von Hessen und Nassau, der von 1938 bis 1945 in KZ-Haft war.

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